Warum gibt es oft keinen Ausweg?

Warum gibt es oft keinen Ausweg?

In den vorherigen Kapiteln wurde bereits ausgeführt, dass andauernder Alkoholmissbrauch zu psychischer und physischer Abhängigkeit führt. Natürlich weiß der Betroffene oft schon in der Anfangsphase (Prodomalphase), dass sein Trinkverhalten nicht normal ist. Sonst würde er ja z. B. nicht heimlich trinken. In der Regel versucht er auch, einen Weg aus der Abhängigkeit zu finden oder wenigstens weniger zu trinken. Er versucht es immer wieder, aber es gelingt ihm i. d. R. nicht. Dafür gibt es mehrere Ursachen:

  • Durch den anhaltenden intensiven Suchtmittelkonsum kommt es zu einer Anpassung des Körpers (Soma, Physis) und der Seele (Psyche) an das Suchtmittel. Der Betroffene verträgt dann mehr (Toleranzsteigerung). Wird in dieser Phase auf das Suchtmittel verzichtet, können unangenehme Begleiterscheinungen (Entzugserscheinungen, Entzugssymptome, Entzugssyndrome) auftreten. Der Betroffene versucht, diese Entzugserscheinungen mit seinem Suchtmittel „zu bekämpfen“.
  • Ein Suchtmittelabhängiger ist ohne sein Suchtmittel kaum noch zu positiven Empfindungen fähig. Er ist ängstlich, gehemmt, voller Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle und fühlt sich unfähig, die täglichen Aufgaben des Lebens zu bewältigen. Wenn er erneut trinkt, vermindern sich diese Insuffizienzgefühle und verschwinden nach einer bestimmten Suchtmittelmenge ganz. Er fühlt sich den Aufgaben des Lebens wieder gewachsen. Aus Antriebslosigkeit wird Tatendrang, aus Höchstspannung wird Entspannung und aus Unsicherheit wird „Selbstsicherheit“. Alkohol wird zum „Lebenselixier„, zu einer „lebenserhaltenden Kraft“, er ist „Heilmittel“ und „Freund“ zugleich, und macht ein Leben erst möglich.
  • Anhaltender intensiver Alkoholkonsum (über 0,5 Promille pro Tag) führt zu einer Aktivierung des MEOS (mikrosomales ethanol-oxidierendes System) in der Leber. Dieses System ist dann zusätzlich und zunehmend zur normalerweise alkoholumsetzenden ADH (Alkoholdehydrogenase) für den Alkoholumsatz (Alkoholabbau) in der Leber zuständig. Als Folge des aktiven MEOS können Alkoholiker größere Mengen an Alkohol umsetzen, und dadurch bedingt, auch „mehr vertragen“. Das MEOS ist schließlich für bis zu zwei Drittel des Alkoholumsatzes verantwortlich und wird auch nach längerer Abstinenz sofort wieder aktiviert. Diese Neuaktivierung wird als eine Ursache für das häufig zu beobachtende starke Verlangen nach größeren Alkoholmengen gesehen.
  • Neuere Erkenntnisse der Forschung liefern Anhaltspunkte dafür, dass bestimmte Komponenten des Alkoholstoffwechsels (sogenannte Kondensationsprodukte aus Acetaldehyd und Adrenalin und/oder Dopamin) auf dieselben Hirnregionen wirken, wie die körpereigenen Opiate und dort für eine positive Beeinflussung der Gemütsbewegungen (Emotionen) und der Befindlichkeit (u. a. inneres Gleichgewicht) sorgen. Der Botenstoff Dopamin lagert sich z. B. an dem sogenannten D2-Rezeptor an und sorgt dadurch für die Entstehung von Zufriedenheit. Durch die beim Alkoholumsatz entstehenden Kondensationsprodukte wird die Dopamin-Produktion erhöht und der Botenstoff aktiviert die Rezeptoren an den Nervenzellen, so dass sich eine künstliche Zufriedenheit einstellt. Als Folge eines anhaltenden Überangebotes lässt die Empfindlichkeit der D2-Rezeptoren im Gehirn jedoch allmählich nach. Um den gewünschten Reiz auszulösen, ist mehr Dopamin notwendig. Das hat einerseits einen ansteigenden Alkoholkonsum zur Folge und anderseits wird der Betroffene unempfindlich für Reize, die im Normalfall das Gefühl der Zufriedenheit auslösen. Diese Reize wirken nicht mehr oder nur noch unzulänglich. Chronischer Alkoholmissbrauch kann den Spiegel der körpereigenen Opiate (Endorphine), die für das Wohlbefinden wichtig sind, um bis zu 50 % senken.

Hinzu kommen die Ratschläge, Ermutigungen aber auch Vorwürfe von Verwandten und Bekannten. „Du wirst doch wohl genug Kraft haben, ein Bier stehen zu lassen …“ oder „Du musst nur wollen …“. Aber der Abhängige kann aus den zuvor erwähnten Gründen nicht aus eigener Kraft auf sein „Lebenselixier“ verzichten. Bei jedem Rückfall weiß er, dass er wieder „versagt“ hat. Halten die Ratschläge und Vorwürfe aus dem sozialen Umfeld an, glaubt er irgendwann selbst, ein willenloser Schwächling zu sein und gibt den Kampf auf. Irgendwann ist die Arbeit weg, in der Familie stehen Streit und Unfrieden auf der Tagesordnung, die Kinder leiden unter z. T. infernalen Streitigkeiten der Eltern und das Geld wird langsam knapp. Bald gibt es nicht genug Alkohol, um die entstandenen Scham- und Schuldgefühle zu betäuben, die ständig zunehmende Minderwertigkeit auszugleichen und den allmählich unübersehbar gewordenen „Misthaufen“ in der eigenen Vergangenheit zu überdecken.