Begriffsdefinitionen und Kriterien für die Alkoholabhängigkeit.

Wer ist abhängig?

Nach der internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD 10) liegt eine Abhängigkeit vom Alkohol dann vor, wenn drei oder mehr der nachfolgenden Kriterien erfüllt sind:

  • Es besteht ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu trinken.
  • Es gibt Hinweise auf eine verminderte Fähigkeit, den Alkoholkonsum zu kontrollieren.
  • Der Alkoholkonsum erfolgt zur Milderung oder Vermeidung von Entzugssymptomen (z. B. Zittern der Hände).
  • Es gibt Hinweise für eine Toleranzbildung, d. h. zunehmend wird mehr Alkohol benötigt, bevor die (gewünschte) Wirkung eintritt.
  • Es ist ein eingeengtes Verhaltensmuster durch den Alkoholkonsum entstanden, z. B. der Tagesplan richtet sich danach aus, regelmäßig Alkohol trinken zu können. Andere Interessen und Vergnügen werden zunehmend vernachlässigt.

Der Alkoholkonsum wird fortgeführt, trotz klarer Hinweise auf negative körperliche, psychische oder soziale Folgen.

Wichtige Erkenntnisse über den Verlauf von Alkoholkrankheiten und über Kriterien zur Beurteilung einer Alkoholabhängigkeit sind den Arbeiten von (Jellinek, 1951, 1952, 1960) zu entnehmen. Er unterscheidet vier Phasen der Alkoholsucht: die „Voralkoholische Phase“, die „Anfangsphase (Prodomalphase)“, die „Kritische Phase“ und die „Chronische Phase“. Außerdem werden von Jellinek verschiedene Typen des Trinkers unterschieden. Dies sind der Alpha-Trinker, der Beta-Trinker, der Gamma-Trinker, der Delta-Trinker und der Epsilon-Trinker.

Bei der Beantwortung der Frage „Wer ist abhängig?“ können die nachfolgend aufgeführte Kriterien eine wichtige Hilfestellung leisten. Im übrigen gilt: Wenn Sie in der Lage sind, den Alkohol für mehrere Monate stehen zu lassen, dann haben Sie kein Abhängigkeitsproblem. Sind Sie dies nicht, dann haben Sie ein Abhängigkeitsproblem und sollten sich um ärztliche und/oder psychotherapeutische Hilfe bemühen. Testen Sie sich selbst!

Die wichtigsten Kriterien zur Beschreibung der Phasen der Alkoholsucht sind nachfolgend aufgeführt (Jellinek, 1951):

Die Voralkoholische Phase

Erleichterung wird erlebt:

Der Beginn des Genusses alkoholischer Getränke ist häufig sozial motiviert. Im Gegensatz zum durchschnittlichen Trinker empfindet der spätere Alkoholiker jedoch bald eine befriedigende Erleichterung im Trinken, d. h. der Alkoholkonsum führt zu Spannungsabbau und zur Beseitigung von Unsicherheit, Angst- und Minderwertigkeitsgefühlen.

Gelegenheiten zum Trinken werden aufgesucht:
Diese Erleichterung wird eher der Situation als dem Trinken zugeordnet, zum Beispiel der lustigen Gesellschaft, dem Fest usw.. Daher werden Gelegenheiten gesucht, bei bzw. in denen getrunken wird.

Tägliche Zuflucht zum Alkohol:
Nach etwa ein bis zwei Jahren vermindert sich die ohnehin geringe Toleranz für seelische Belastungen weiter. Alkohol wird immer häufiger als „Hilfsmittel“ zur Kompensation emotionaler Defizite eingesetzt bis der Betroffene täglich trinkt.

Gesteigerter Bedarf an Alkohol:
In der Folgezeit kommt es zu einer Erhöhung der Alkoholtoleranz, das heißt, der Betroffene braucht eine größere Menge Alkohol, um die gewünschten Effekte wie z. B. Beruhigung zu erreichen.

Dauerndes Erleichterungstrinken:
Gelegentliches Trinken geht in dauernden Erleichterungstrinken über. Für die gleiche Wirkung wird immer mehr Alkohol benötigt.

 

Die Anfangsphase (Prodomalphase)

Erinnerungslücken:
Erste Kennzeichen der prodomalen Phase sind plötzlich auftretende Erinnerungslücken (Amnesien). Diese Gedächtnislücken können in Phasen des Nichttrinkens oder des geringen Alkoholkonsums auftreten. So kann der Betroffene eine Unterhaltung führen oder schwierige Arbeiten leisten, ohne am nächsten Tag eine Spur von Erinnerung daran zu haben, auch wenn einige Einzelheiten ins Gedächtnis zurückgerufen werden können. Bier, Wein und Spirituosen sind nun keine Getränke mehr, sondern werden vielmehr als ein „Heilmittel“ zur Beseitigung von Insuffizienzen betrachtet.

Dauerndes Denken an Alkohol:
Es kommt die Zeit des ständigen Denkens an Alkohol.

Gieriges Trinken:
Wegen der erhofften Wirkungen tritt nun das „gierige Trinken„, das Herunterkippen des ersten oder der ersten beiden Gläser auf. Der Betroffene merkt, dass sein Trinkverhalten von der Norm abweicht.

Schuldgefühle:
Es entwickeln sich Schuldgefühle wegen des Trinkens.

Vermeidung von Anspielungen:
Der Betroffene versucht z. B. bei Unterhaltungen, Anspielungen auf Alkohol und sein Trinkverhalten zu vermeiden.

Zunehmende Gedächtnislücken und heimliches Trinken:
Die Gedächtnislücken treten immer häufiger auf. Der übermäßige Alkoholkonsum des Betroffenen fällt auch dem Umfeld auf. Das Gift Alkohol beginnt das Nervensystem und die Stoffwechselvorgänge zu stören. Der Betroffene versucht seinen Alkoholkonsum zu verheimlichen, weil nicht negativ auffallen möchte.

Die kritische Phase

Verlust der Kontrolle:
Kontrollverlust bedeutet, dass bereits nach einer kleinen Menge Alkohol im Körper ein Verlangen nach „mehr“ entsteht. Dieses Verlangen hält an, bis der Trinker müde ist und einschläft oder Krankheitsgründe keine weitere Alkoholaufnahme erlauben. Der Betroffene hat die Möglichkeit der willentlichen Beeinflussung seines Alkoholkonsums verloren. Wenn er trinkt, dann trinkt er solange bis er müde ist und einschläft. Dabei ist es möglich, dass es z. B. aus Krankheitsgründen zu Perioden freiwilliger Abstinenz kommt. Wird der Betroffene jedoch rückfällig und trinkt wieder Alkohol, erweist sich der Versuch, die Trinkmenge mit dem „Willen zu beherrschen“ als aussichtslos.

Erklärungsversuche:
Mit dem Erleben des Kontrollverlustes beginnt der Betroffene, sein Trinkverhalten zu erklären. Er findet Erklärungen dafür, dass er seine Kontrolle nicht verloren hat, sondern vielmehr ein guter Grund zum Trinken vorhanden ist und er durchaus in der Lage ist, den Alkohol wie jeder andere zu genießen. Durch diese Erklärungen rechtfertigt er sein Weitertrinken.

Erklärungssysteme:
Mit der Zeit wird ein „Erklärungssystem“ geschaffen, das sich allmählich auf allen Ebenen des Lebens ausbreitet. Es dient als Widerstand gegen „soziale Belastungen“, die jetzt zusätzlich entstehen: Eltern, Frau, Freunde und Arbeitgeber beginnen den Alkoholkranken zu tadeln und zu warnen.

Übergroße Selbstsicherheit:
Trotz aller Erklärungen kommt es zu einem weiteren Verlust des Selbstwertgefühls. Dies wird kompensiert durch eine „übergroße Selbstsicherheit nach außen“. Mit extravaganter Verschwendung und großspurigen Reden versucht der Betroffene sich zu überzeugen, nicht so schlecht zu sein, wie er manchmal gedacht hat.

Aggressives Verhalten:
Das „Erklärungssystem“ isoliert den Kranken zunehmend. Er gelangt zu der Auffassung, dass die Fehler nicht bei ihm, sondern bei den anderen liegen. Dies wiederum führt zu einer weiteren Abkehr von der sozialen Umgebung. Das erste Zeichen dieser Haltung ist ein auffälliges „aggressives Verhalten“.

Dauernde Zerknirschung:
Traten in der prodomalen Phase zeitweise Gewissensbisse auf, entsteht jetzt eine „dauernde Zerknirschung“ durch Schuldgefühle. Diese Belastung ist ein neuer Anlass zum Trinken.

Vorübergehende Abstinenz:
Dem sozialen Druck folgend, durchlaufen einige Betroffene nun „Perioden völliger Abstinenz“.

Änderung des Trinksystems:
Er findet eine andere „Methode“ sein Trinken unter Kontrolle zu halten: Er glaubt, seine Schwierigkeiten kontrollieren zu können, indem er bestimmte Regeln aufstellt. Er versucht z. B. nicht vor einer bestimmten Tageszeit und nur an bestimmten Orten oder nur ein bestimmtes Getränk zu trinken.

Isolation:
Das Unverständnis der Umgebung verstärkt die Abwehrhaltung weiter. Die enorme Energieaufwendung in seinem Kampf schafft Feindseligkeit gegen seine Umgebung und er beginnt „Freundschaften aufzugeben“ und „Arbeitsplätze zu verlassen“.

Interessenverlust, Selbstmitleid:
Alle Gedanken konzentrieren sich auf den Alkohol. Der Betroffenen richtet den Tagesablauf auf ungestörtes Trinken aus. Äußere Interessen gehen verloren und es entwickelt sich ein „auffallendes Selbstmitleid„.

Flucht:
Isolation und Erklärungen haben ein unerträgliches Maß angenommen. Der Kranke unternimmt „gedankliche“ oder tatsächliche (geografische) Flucht („Ortswechsel“).

Änderungen im Familienleben:
Frau und Kinder, die den Trinkenden bisher unterstützten (Coalkoholismus) entwickeln Aktivitäten, um aus dem häuslichen Umfeld zu entkommen.

Grundloser Unwille:
Diese und andere Vorkommnisse lassen einen „grundlosen Unwillen“ beim Alkoholsüchtigen entstehen.

Sichern des Alkoholvorrates:
Der Betroffene versucht, sich einen ständigen Vorrat an Alkohol zu sichern. Das Fehlen von „Stoff“ veranlasst abenteuerliche Beschaffungsversuche. Er legt Verstecke an unmöglichen Orten an (leerer Aktenordner, Kleiderschrank, Blumenbeete, WC-Spülkasten).

Vernachlässigung der Ernährung:
Eine angemessene Ernährung wird vernachlässigt. Das verstärkt die schädliche Wirkung des Alkohols auf den Organismus.

Krankenhauseinweisungen:
Es folgen die ersten Einweisungen in ein Krankenhaus wegen irgendwelcher alkoholbedingten Beschwerden (Depression, Bewusstlosigkeit, körperliche Beschwerden, alkoholbedingte Unfälle u.a.m.).

Abnahme des Sexualtriebes:
Eine von vielen Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs ist der Verlust des Sexualtriebes. Dadurch entsteht Feindschaft gegen den (Ehe)Partner, bei dem als Erklärung außerehelicher Verkehr vermutet wird.

Morgendliches Trinken:
Gewissensbisse, Schuldgefühle, Kampf zwischen Sucht und Pflichten, Selbstwertverlust, Selbstzweifel und falsche Ermutigungen haben den Kranken so weit zerrüttet, dass er den Tag nicht mehr ohne Alkohol bewältigen kann. Es kommt zum „regelmäßigen morgendlichen Trinken“. In der kritischen Phase ist Trunkenheit die Regel. Bisher auf den Nachmittag und die Abendstunden beschränkt, führt sie schließlich zu morgendlichem Trinken.

 

Die Chronische Phase

Verlängerter Rausch:
Die alles beherrschende Rolle des Alkohols und das morgendliche Trinken brechen schließlich jeden Widerstand des Betroffenen. Er ist auch tagsüber und mitten in der Woche schwer betrunken.

Ethischer Abbau:
Die ausgedehnten Exzesse haben einen bemerkenswerten „ethischen Abbau“ und eine „Beeinträchtigung des Denkens“ zur Folge, die jedoch i. d. R. noch reversibel sind.

Alkoholische Psychosen:
Bei etwa 10 % aller Alkoholiker können jetzt auch „Alkoholpsychosen“, d. h. alkoholbedingte Geistesstörungen auftreten.

Trinken mit Personen weit unter Niveau:
Der Verlust der Moral ist so hoch, dass der Süchtige mit Personen weit unter seinem Niveau trinkt.

Zuflucht zu technischen Produkten:
Wenn nichts anderes vorhanden ist, werden auch technische Produkte, wie Haarwasser, Rheumamittel, vergällter Alkohol, Parfüms u. a. getrunken.

Verlust der Alkoholtoleranz:
Zu dieser Zeit wird gewöhnlich auch der Verlust der Alkoholtoleranz bemerkt, d. h. der Betroffene verträgt weniger.

Undefinierbare Ängste, Zittern:
Undefinierbare Ängste und Zittern werden zur Dauererscheinung. Sie treten auf, sobald der Alkoholspiegel im Körper sinkt (Entzugserscheinungen). Der Betroffene „kontrolliert“ diese Symptome mit Alkohol. Das gilt auch für „psychomotorischen Hemmungen“, etwa die Unfähigkeit, eine Uhr aufzuziehen, ohne vorher Alkohol zu trinken.

Besessenes Trinken:
Die Notwendigkeit der Beseitigung der Entzugserscheinungen übertrifft alle anderen Bedürfnisse. Das Trinken nimmt der „Charakter einer Besessenheit“ an.

Unbestimmte religiöse Wünsche:
Bei vielen Abhängigen entwickeln sich „unbestimmte religiöse Wünsche“, während die Erklärungsversuche schwächer werden.

Erklärungssystem versagt:
Im Verlauf ausgedehnter Exzesse werden die Erklärungen so häufig von der Wirklichkeit entkräftet, dass das „Erklärungssystem versagt“. Die eigene Niederlage wird vom Süchtigen zugegeben.

Zusammenbrüche:
Als Folge des Eingeständnisses der Niederlage erlebt der Kranke oftmals seelische Zusammenbrüche schwerster Art, die in jedem Fall eine fachliche Behandlung notwendig machen. Selbstmordversuche sind in diesem Stadium nicht selten.

Folgen des Alkoholmissbrauchs:
Eine Folge des anhaltenden Alholkonsums ist die Veränderung der Persönlichkeit. Weitere Folgen der Sucht sind u. a. Alkoholentzugssyndrome und weitere Komplikationen der Alkoholabhängigkeit. Zu den Alkoholenzugssyndromen zählen die Krampfanfälle, Alkoholhalluzinosen und das Delirium tremens. Das „Delirium tremens“, das bei plötzlichem Alkoholentzug auftreten kann, ist lebensgefährlich und endet in ca. 20 % der Fälle tödlich. Zu den weiteren Komplikationen des Alkoholismus zählen die Wernicke Enzephalopathie und das Korsakow-Syndrom.

Hilfe
In dieser (End-)Phase ist der Kranke am ehesten bereit, Hilfe von außen anzunehmen. Eine Einweisung in eine Entgiftungsklinik oder in ein Allgemein-Krankenhaus ist für ihn lebensrettend und der mögliche Einstieg in eine Entwöhnungsbehandlung.

 

Wie bereits eingangs erwähnt, unterscheidet Jellinek fünf verschiedene Typen des Trinkers. Dies sind der Alpha-Trinker, der Beta-Trinker, der Gamma-Trinker, der Delta-Trinker und der Epsilon-Trinker:

  • Alpha-Trinker sind Erleichterungstrinker, die mit Alkohol ihre Probleme zu „lösen“ versuchen. Sie sind zwar einer fortschreitenden Abhängigkeit ausgesetzt, können aber ihren Alkoholkonsum unter Kontrolle halten.
  • Beta-Trinker sind Gelegenheitstrinker ohne eine eingetretene Abhängigkeit. Bei ihnen kommt aber zu Folgekrankheiten, wie z.B. Leberschäden, Magenleiden (Gastritis) u.a.
  • Gamma-Trinker sind Alkoholiker, die seelisch und körperlich abhängig sind. Sie haben keine Kontrolle über ihren Alkoholkonsum.
  • Delta-Trinker sind „Spiegeltrinker“, sie können ihren Alkoholkonsum relativ lange unter Kontrolle halten. Sie sind zwar körperlich, aber nicht seelisch abhängig. Bei schleichender Dauerintoxikation sind sie eher unauffällig.
  • Epsilon-Trinker werden als Quartalssäufer bezeichnet. Nach wochenlanger Abstinenz trinken sie tagelang völlig unkontrolliert

 

Nachfolgende Tabelle gibt eine Übersicht über die verschiedenen Trinktypen, die Art der Abhängigkeit, Kontrollverlust und die Fähigkeit zur Abstinenz.

 

Trinktyp  Erläuterung Abhängigkeit Kontrollverlust Fähigkeit zur Abstinenz
Alphatypus Problem-, Erleichterungs-, Konflikttrinker periodisch psychisch nein ja
Betatypus Gelegenheitstrinker (unregelmäßig, übermäßig) keine nein ja
Gammatypus abhängiger Trinker psychisch, physisch ja nein
Deltatypus Gewohnheitstrinker (kontinuierlich, rauscharm) physisch nein nein
Epsilontypus episodischer Trinker (Quartalssäufer) psychisch ja ja